Kennst du das? Da gibt es Dinge, die du richtig gut kannst. Du machst sie seit Jahren, und niemand käme auf die Idee, dass es dir dabei nicht gut geht. Nach außen läuft alles, aber innen drin meldet sich manchmal eine leise Stimme: Kann ich zwar, macht mir aber keinen Spaß.
Ein kleines Beispiel zum Anfang:
Nicht alles im Leben muss Freude machen. In meinem Fall ist es die Steuererklärung, die sich nicht von selbst erledigt und manche Aufgaben im Haushalt leider auch nicht. Da heißt es: Augen zu und durch, vielleicht mit Musik im Hintergrund und einer kleinen Belohnung danach. Das ist völlig in Ordnung.
Spannend wird es woanders. Nämlich dort, wo wir einen großen Teil unserer Lebenszeit verbringen: im Beruf.
Wann hast du zuletzt hingeschaut?
Es ist erstaunlich, wie selten wir uns fragen, wie viel Spaß uns das, was wir täglich tun, eigentlich noch macht. Wir wissen, dass wir es können. Wir wissen, dass es gut läuft. Aber ob es sich noch lebendig anfühlt? Diese Frage bleibt oft unbeantwortet oder gleich ungestellt, weil sie unbequem sein könnte.
Vielleicht lohnt es sich, sie trotzdem einmal in Ruhe zu stellen. Nicht um sofort etwas zu verändern, sondern weil Hinschauen etwas anderes ist als Entscheiden. Es ist erst einmal nur ein ehrliches Beobachten und Wahrnehmen. Und das, ohne daraus eine Handlung, eine Pflicht, einen Druck zu erzeugen.
Und wofür machst du es dann weiter?
Wenn die Antwort lautet „macht mir eigentlich keinen Spaß (mehr)”, folgt oft die nächste Frage: Warum mache ich es dann trotzdem? Dafür gibt es viele gute Gründe. Zum Beispiel diese:
Gewohnheit: Es läuft ja! Der Alltag hat seinen Rhythmus und etwas zu verändern kostet Energie, die gerade niemand übrig hat.
Sicherheit: Ein festes Gehalt, ein vertrautes Umfeld, ein Plan für die nächsten Jahre. Das ist viel wert, und es darf auch viel wert sein.
Identität: „Ich bin die Person, die das kann.” Nach Jahren in einer Rolle ist der Beruf manchmal weniger etwas, das wir tun, sondern etwas, das wir sind.
Verantwortung: „Sie verlassen sich auf mich.” „Außer mir kann das keiner.” Einmal etwas gut gemacht, und schon geht das Umfeld davon aus, dass wir es immer wieder tun. Das Protokoll, das Projekt, die Tabelle, die nur du verstehst. Dahinter steckt oft Pflichtbewusstsein, und das ist eine schöne Eigenschaft. Und dann bleibt manchmal etwas bei uns hängen, weil nie jemand gefragt hat, ob es auch anders gehen könnte und nicht, weil es zu uns gehört. Oder weil wir selbst nie gefragt haben, ob es noch bei uns liegen muss.
Keiner dieser Gründe ist falsch. Interessant wird es, wenn wir sie einmal beim Namen nennen. Welcher davon trifft bei mir zu? Und ist es ein Grund, der mich trägt, oder einer, der mich festhält?
Aus welchem Grund macht uns etwas irgendwann keinen Spaß mehr?
Auch das hat viele mögliche Antworten. Vielleicht hast du dich weiterentwickelt und was dich vor zehn Jahren gefordert hat, fordert dich heute nicht mehr. Du bist gewachsen, die Aufgabe nicht. Auch eine Veränderung der Rahmenbedingungen kann der Grund sein: ein neues Team, eine neue Führung, andere Abläufe, mehr Druck, weniger Gestaltungsspielraum. Die Tätigkeit ist dieselbe geblieben, aber das Drumherum nicht.
Möglicherweise sich dein Wertekonstrukt verschoben: was dir mit Mitte zwanzig wichtig war, ist mit Anfang/Mitte vierzig womöglich nicht mehr dasselbe. Status, Sicherheit, Sinn, Zeit, Freiheit: Die Gewichtung im Leben ändert sich, auch wenn der Job es nicht tut.
Und vielleicht gibt es noch eine vierte Möglichkeit. Du erkennst dich in diesen inneren Stimmen wieder:
„Kann ich, aber nicht gut genug?”
„Kann ich, macht mir aber keinen Spaß mehr.”
„Seitdem ich es kann, macht es mir keinen Spaß mehr.”
Dann geht es vermutlich nicht um Faulheit, fehlende Disziplin oder ein Problem, das du lösen müsstest. Es kann sein, dass du einfach anders tickst.
Manche Menschen sind neugierig auf vieles, lernen schnell und können erstaunlich viel. Sie tauchen in ein Thema ein, mit voller Energie und echter Begeisterung. Und irgendwann, meistens dann, wenn sie es richtig gut beherrschen, ist die Luft raus. Nicht, weil etwas schiefgelaufen ist, sondern weil sie satt sind. Das Rätsel ist gelöst, die Neugier gestillt, und etwas in ihnen will weiterziehen.
Das Dilemma entsteht dort, wo unsere Gesellschaft ein anderes Bild zeichnet: Jeder Mensch finde seine eine Leidenschaft, seinen Fokus, seine Berufung und bleibe dann ein Leben lang dabei. Wer weiterziehen möchte, gilt schnell als sprunghaft oder unentschlossen. So entsteht eine Zwickmühle, denn ein Teil will bleiben, weil man es ja kann, weil andere sich darauf verlassen und weil man das eben so macht. Ein anderer Teil will neue Wege gehen, der Neugier und dem Hunger nach Neuem folgen, weil sich das Alte nicht mehr lebendig anfühlt. Dieses Hin und Her kostet Kraft und macht unsicher: Was stimmt nicht mit mir?
Vermutlich: nichts. Vielleicht ist es einfach eine Art, die Welt zu erleben, bei der Sättigung kein Makel ist, sondern ein Signal.
Derselbe Job, nur woanders? Wie alter Wein nur in neuen Schläuchen ….
Und was, wenn die Entscheidung fällt, dass sich etwas verändern darf? Dann passiert oft etwas Merkwürdiges: Wir suchen nach genau dem, was wir kennen 🙈: dieselbe Position, dieselben Aufgaben, nur in einer anderen Organisation. Das fühlt sich vernünftig an, es ist vertraut, und man weiß, dass man es kann (und was man hat).
Und manchmal zieht das alte Gefühl dann einfach mit um.
Vielleicht liegt das daran, dass ein Jobtitel wenig darüber verrät, was uns tatsächlich bewegt. Vielleicht helfen andere Fragen mehr als die Frage „Wo gibt es so eine Stelle noch?”:
Welche Momente in meinem Arbeitsalltag geben mir Energie, und welche nehmen sie mir?
Was daran liegt an der Tätigkeit, was an den Menschen, was an den Rahmenbedingungen?
Welche Werte sollen in meiner Arbeit Platz haben, und welche tun es heute nicht?
Was habe ich in den letzten Jahren dazugelernt, das in meinem Job gar nicht gebraucht wird?
Wer so fragt, sucht nicht mehr nach einem Ersatz für das Alte, sondern nach etwas, das zu der Person passt, die man heute ist.
Fazit
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis ganz unspektakulär: „Kann ich, macht mir aber keinen Spaß (mehr)” ist keine Schwäche und kein Fehler im System sondern eine Information. Sie sagt etwas darüber, wer du heute bist, was dir wichtig geworden ist und was du brauchst, um dich lebendig zu fühlen. Ob daraus eine Veränderung wird oder alles so bleibt wie bisher, entscheidest Du. Beides darf richtig sein. Eine potentielle Veränderung muss ja nicht heute sein und auch nicht in diesem Jahr. Manchmal reicht es schon, die Frage überhaupt zu stellen und dem, was du dabei spürst, einen Moment zuzuhören.
Denn Können beschreibt, was du zu leisten imstande bist. Ob es dir gerade guttut, steht auf einem anderen Blatt.
💡Meine Impulsfragen für Dich:
Wann habe ich mich zuletzt gefragt, wie viel Freude mir mein Beruf noch macht?
Was hält mich dort, wo ich gerade bin: Gewohnheit, Sicherheit, Verantwortung, ein Bild von mir selbst?
Was kann ich richtig gut, tue es aber vor allem, weil es von mir erwartet wird?
Wann hat sich das Gefühl bei mir verändert, und was hat sich damals noch verändert?
Welche Neugier schiebe ich schon lange vor mir her, weil sie „gerade nicht passt”?
Und wenn „Kann ich, macht mir aber keinen Spaß mehr” kein Warnsignal wäre, sondern ein Wegweiser: Wohin würde er zeigen?
Wie geht es dir damit?
Vielleicht hast du dich in einzelnen Gedanken wiedererkannt, vielleicht in allen, vielleicht aber auch in keinem. Alles davon ist in Ordnung. Wenn du Lust hast, diese Fragen nicht allein zu wälzen, schauen wir gern gemeinsam hin: was hinter deinem „Kann ich, macht aber keinen Spaß” steckt und was du daraus für dich machen möchtest.

